Archive for the 'Hochsensibilität (HSP)' Category

Tief-Gehen und Auftauchen

piano.svgAls ich letztens auf der Reise war, ent­deckte ich im Bahnhof Halle ein KlaWIR – ein Klavier mit der expliziten Auf­for­derung, dass jeder es spielen darf. Weil ich eine relativ lange Umsteigezeit hatte, setzte ich mich und improvisierte ein bisschen – ich liebe es, meine Gefühle über Musik zu verarbeiten. Und als ich aus meinen Träumereien wieder auftauchte (ich musste zum Zug) hatte sich um mich eine Menschen-Traube an Zuhörern gebildet, die mich erwartungsvoll ansahen – manche applaudierten, und ich zuckte mit meinen Schultern, „ich habe doch eigentlich nur für mich gespielt“ …

Als ich dann im Zug saß, kapierte ich: ich liebe es, tief zu gehen, in allem. Und indem ich tief gehe, lade ich automatisch andere ein, ebenfalls tiefer hineinzugehen – und über Klavier spielen und Geschichten schreiben habe ich eine Sprache gefunden, wo Fremde plötzlich zu Vertrauten werden können, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Ich bin ein Tiefgänger.

Deep processing – tiefe Verarbeitung, das ist der Kern der Gabe Hochsensibilität. Hochsensible können einfach gar nicht anders, als alles tief zu verarbeiten, manche bei Gefühlen, manche bei Hören, manche bei Konzepten … Und wenn sie lernen, das so zu verarbeiten, dass sie sich dabei nicht selbst überfordern, können sie die ganze Gruppe in eine tiefere Tiefe hinführen. Es lohnt sich. Der Prozess, etwas kreativ auszudrücken (egal wie) kann ein gutes „Überdruckventil“ sein, das Chaos innendrin zu benennen, zu verarbeiten und dadurch für sich selbst und eben auch für andere fruchtbar zu machen.

Die andere Seite der Medaille davon ist übrigens, dass viele Hochsensible small talk verabscheuen – „zu oberflächlich“. Aber: Tiefgehen hat seine Zeit, und auch Leichtigkeit hat seine Zeit. Beides kann dabei helfen, Vertrauen aufzubauen. Und damit letztlich die Welt zu verändern.

Sich abgrenzen – ja, aber wie viel?

In vielen Büchern über Hochsensibilität steht: lerne, dich – in gesunder Weise – abzugrenzen. Wahrscheinlich ist das eine Lebensaufgabe für alle Menschen, aber gerade für Hochsensible ist das wichtig.

Was ist die Folge, wenn man sich zu wenig – oder zu viel abgrenzt? Im Extrem-Fall: Burnout – oder ein Sich-Abschotten.

Manche grenzen sich überhaupt nicht ab, fühlen sich verantwortlich für alle Menschen, die sie sehen – und gerade Hochsensible sehen ziemlich viele leidende Menschen (empathisch Hochsensible) oder fehlerhafte Systeme (kognitiv Hochsensible) – und landen so irgendwann im Burnout. Für diese Menschen ist meine Botschaft: du bist nicht der Retter der Welt. Du kannst es nicht sein, und du musst es gar nicht sein. Lebe als Kind Gottes – ein Kind darf einfach zu Papa rennen, wenn es sich überfordert fühlt. Sein Traum, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem keine Traurigkeit, kein Schmerz mehr existiert – ist sein Traum. Du bist ein kleines Puzzle-Teil davon. Nicht jedes ungestilltes Bedürfnis, das du siehst, ist (s)ein Auftrag an dich, eine Lösung dafür zu finden.

Dann gibt es auch das andere Extrem (auch bei Hochsensiblen). Manche grenzen sich so stark ab, dass es wie eine undurchdringliche Mauer zwischen ihnen und der Umwelt wird: „Nein, das mache ich nicht, das kann ich nicht, ich muss mich um mich selbst kümmern.“ Diesen Menschen möchte ich sagen: wenn du eine Mauer baust, wird es irgendwann ziemlich langweilig, einsam werden. Ja, du kannst dir eine Mauer bauen, aber eine solche Mauer funktioniert immer in beide Richtungen: du willst keinen reinlassen, und du willst nicht rausgehen. Ich würde behaupten: Es gibt kein Lebensglück ohne das Risiko, verletzt zu werden (vgl. Brené Brown – The power of vulnerability – mit dt. Untertitel). Weil Gott die Menschen nicht als Einzelkämpfer geschaffen hat, sondern ihnen einen tiefen Durst nach Liebe und Annahme gegeben hat.

Ich gebe zu: Beides sind Extreme. Aber beide Tendenzen entdecke ich in meiner Lebensgeschichte. Darum habe ich mich auf die Suche gemacht: Wie kann ich ein gesundes Maß an Abgrenzung finden? Und dabei habe ich gelernt, beide Seiten auch wertzuschätzen.

Denn positiv formuliert: die Menschen, die sich nicht abgrenzen, gehen extrem viele Herausforderungen an. Sie probieren neue Dinge aus, und das obwohl sie wissen, dass es anstrengend wird. Oder versuchen es noch einmal, die Situation zu verbessern, obwohl sie schon 9mal gescheitert sind. Ich bewundere diese Motivation! (Das ist nicht ironisch gemeint. Aber dieses Maß an Motivation ist gleichzeitig auch gefährlich: Burnout-Gefahr entsteht nicht primär aus dem „Zuviel“ von außen, sondern aus dem „Ich muss das aber schaffen“ von innen.)

Und die anderen Menschen, die sich sehr stark abgrenzen: sie wissen, wo ihre Grenzen sind. Sie haben ihre Grenzen akzeptiert: „Ja, das kann ich nicht so gut wie andere.“, und daraus persönliche Konsequenzen gezogen: „Das sollen lieber andere machen.“ Was für eine Weisheit! (Das kann aber nicht 100% verhindern, dass auch innerhalb ihrer Grenzen etwas schief geht. Und dann sind diese Menschen in Gefahr, auch dort ihre Grenzen enger zu stecken – und dadurch ihren Lebens-Raum weiter zu verkleinern.)

Die große Frage ist jetzt: Wie viel Abgrenzung ist gesund? Was ist der Maßstab?

Die Bibel sagt (in meine Sprache ausgedrückt): „Liebe Gott (volle Kanne!) und die Menschen um dich herum wie dich selbst.“ (Lukas 10,27). Was bedeutet das für Abgrenzung? Viele Christen betonen die ersten zwei Drittel und sagen sich: Ich soll lieben, wie Gott es getan hat, nämlich volle Kanne und egal wie viel es kostet. Ihr Ziel ist die bedingungslose Hingabe an Gott und den Anderen. Und das ist richtig, aber nur ein Aspekt von dem, wie Gott liebt. Jesus, das große Vorbild, hat sein Alles gegeben – aber er kannte auch sich und seine Grenzen. Kennst du den Jesus, der trauert, weil sein Freund gestorben ist (Matthäus 14,13; Johannes 11,35)? Kennst du den Jesus, der um Hilfe bittet, weil er Angst hat vor dem, was ihm bevorsteht (Matthäus 26,36-38)? Jesus, der heftige Worte benutzt, weil ein Freund ihm ein verlockendes Angebot macht – und ihn damit in Versuchung führt (Markus 8,33; vgl. Hebräer 4,15)? Wenn Jesus schon nicht immer souverän „ständig geben“ konnte, haben wir … keine Chance. Liebe bedeutet auch, Liebe annehmen zu können, seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Und tatsächlich, Gott ermutigt in der Bibel nicht nur dazu, Neues auszuprobieren und Altes zu lassen, sondern auch, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren.

Einerseits macht er immer wieder deutlich: „Du bist wertvoll, so wie du bist.“ Es gibt keine Bedingung. Du musst nichts können, nichts vorweisen, nicht von der richtigen Linie abstammen, oder sonst irgendwas: du bist ein Mensch, ein geliebter Mensch, sein geliebter Mensch. Und darum dürfen alle deine Schwächen und Herausforderungen benannt werden als das, was sie sind: Menschlich. (Manchmal, wenn ich einen Fehler gemacht habe, beruhige ich mich: „Ja, stimmt, das ist Benjamin. Das ist ok.“) Weil Gott dich bedingungslos annimmt, darfst du lernen, dich selbst bedingungslos anzunehmen. Sozusagen, dich aus seinen Augen sehen.

Andererseits sagt er aber auch immer wieder: „Ich möchte dich in eine viel größere Freiheit führen als das, was du bisher kennst.“ Gott liebt es, unsere Ketten zu sprengen: das können Gewohnheiten sein, die uns zerstören; Dinge in uns, bei denen wir keine Veränderung mehr erwarten; oder die Haltung zu denken: „Ich weiß eh schon, wer Gott ist, was er tun wird und was nicht“, usw. Er bringt Hoffnung in verfahrene Situationen und macht Unmögliches möglich. Und Gott hat diese Veränderung schon für dich vorbereitet. Es ist wie beim Auszug aus Ägypten: Gott eröffnet einen Weg, wo es keinen Ausweg gibt. Und unsere Aufgabe ist es, diesen Weg zu gehen (Epheser 2,8-10). Das geschieht oft mitten im Alltag: ein Schritt nach dem anderen in die Richtung, in die uns das Vertrauen führt. So können wir an den Herausforderungen des Alltags wachsen – mit ihm zusammen.

Genau das ist der Kern von gesunder Abgrenzung: Wenn du in dem Bewusstsein l(i)ebst, dass du bedingungslos geliebt bist – dann geht es gar nicht mehr primär um dich, auch nicht bei Abgrenzung. Wenn du wüsstest, wie unglaublich wertvoll du bist, müsstest du dich nicht mehr auf Machtkämpfe einlassen – weil du auf Gott vertraust. Abgrenzung ist dann einfach nur noch ein Mittel, damit das, was Gott will, immer mehr wachsen kann.

Der Maßstab ist also Gottes Liebe: Wenn du es aus Liebe zu Gott getan hast, dann war es richtig. Wenn du es aus dem Bewusstsein, von Gott bedingungslos geliebt zu sein, getan hast, dann war es richtig.

.

Soweit die Theorie. Ich weiß, in der Praxis ist das oft schwer zu entscheiden. Und manchmal wirst du dich ein bisschen zu stark abgrenzen, oder ein bisschen zu wenig – aber solange du dich von Gott und Mitmenschen korrigieren lässt, ist das gar kein Problem.

Denn das Leben ist keine mathematische Gleichung, bei der es für eine konkrete Situation genau eine konkrete Lösung gibt. Das Leben ist eher wie ein Tanz: links, rechts, Hauptsache: gemeinsam. Und wenn man aus dem Takt gerät: tja, ist doof, aber einfach weitermachen. Dafür gibt es Vergebung und Neu-Anfang.

(Photo Asche – von David Allen, CC BY-NC-SA)

Gefühle – wie ich entdeckte, sie zu schätzen

Ich bin ein Fühler. Ich bin auch ein Denker, aber ein Denker, dem tiefe Gefühle wichtig sind. Inzwischen. Viele können intuitiv gut mit ihren Gefühlen umgehen – ich musste erst wieder lernen, wozu Gefühle da sind.

3072358194_5e25f6047b_o

In meiner Schulzeit hatte ich meine Gefühle bewusst unterdrückt, weil es mir zu gefährlich war, sie zu zeigen – um nicht von anderen ausgelacht zu werden, hatte ich mich so unauffällig wie möglich gemacht. Als ich dann Christ wurde, stillte Gott ein Bedürfnis in mir, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Ich dachte, das eigentliche Problem ist: „Was ist der Sinn hinter dem Leben?“ Aber er zeigte mir, dass es ein noch existentielleres Problem gibt: „Bin ich geliebt? Bin ich wertvoll?“ Und indem er mir diese Frage beantwortete, machte er es möglich, dass wieder Spontaneität und fröhliches Lachen mein Leben erfüllte. Ich bin wertvoll. Alles in mir. Er liebt mich – durch und durch.

Zu entdecken, dass auch meine Gefühle wertvoll sind, war eine jahrelange Reise, und so ganz angekommen bin ich immer noch nicht. Aber hier die Zusammenfassung dessen, was ich über den guten Umgang mit meinen Gefühlen gelernt habe:

1. Wer keine negativen Gefühle haben will, hat bald gar keine mehr. Eines Tages habe ich mich wieder geärgert, dass mir mein Zug vor der Nase weggefahren ist – und dann habe ich mich darüber geärgert, dass ich mich geärgert habe. Ich dachte: „Was bringt all dieser Ärger, der nächste Zug fährt sowieso bald, und ich kann es eh nicht ändern.“ Und das Faszinierende: es hat funktioniert. Meine Entscheidung, mich nicht mehr ärgern zu wollen, führte dazu, dass mir die verpassten Zügen gleichgültig wurden. Aber 2 Monate später stellte ich fest: mir sind auch viele andere Dinge gleichgültig geworden. Und ich hatte zwar keinen Ärger mehr, aber auch keine Freude mehr. Also machte ich diese Entscheidung wieder rückgängig, und nach und nach konnte ich das Leben wieder genießen.

2. Was weh tut, ist wichtig. Bei körperlichem Schmerz klingt das verständlich: wenn mein Bein jedes Mal schmerzt, wenn ich auftrete, werde ich es automatisch nicht so stark belasten und ggf. zum Arzt gehen. Schmerz sagt: „Da ist etwas Wichtiges nicht in Ordnung. Du musst etwas ändern.“ So ist es auch bei Gefühls-Schmerz – egal ob Trauer, Ärger, oder Wut. Gefühle sind wie Botschafter: sie drücken aus, was mir wichtig ist. Schmerz deutet auf ein Bedürfnis, das nicht gestillt wird. (Genauso wie Freude oder Glück bestätigen, dass ein Bedürfnis erfüllt wurde.) Also stille ich einfach das Bedürfnis? Leider ist das in der Praxis ziemlich komplex: Ich will das tun, was das Gefühl A sagt, aber auch das, was B und C sagen – und alles gleichzeitig geht nicht. Also muss ich mich entscheiden. Und angenommen ich entscheide mich für C, dann will ich A und B dennoch geduldig zuhören und ihre Bedenken anhören. Und tatsächlich: die Gefühle A und B sind wie Männchen, die sich weniger aufregen, wenn sie sich wertgeschätzt und verstanden fühlen. Darum ist mein Leitsatz geworden: „Ich muss nicht tun, was die Wut mir sagt – aber ich muss ihr zuhören. Sie hat mir etwas Wichtiges zu sagen.“

3. Seinen Gefühlen zuhören ist wie Muskel-Training: es braucht Anspannung und Entspannung. Immer wieder komme ich in Situationen, wo ich mich von der Intensität meiner Gefühle überfordert fühle – Angst, Trauer, Verbundenheit, Aufregung, … Und ich darf lernen: ich bin nicht meinen Gefühlen ausgeliefert. Ich kann sie wieder in den Normalbereich begleiten. Aber wie? Manchmal ist es gut, einfach mal etwas komplett anderes zu machen: in die Natur gehen und auf jedes einzelne Detail achten. Ein gutes, nicht zu emotionales Buch lesen. Auf den Boden legen und 5 Minuten gar nichts machen. Mit Freunden oberflächliche Witze reißen. Weißt du, was für dich entspannend wirkt? Nicht jede Methode funktioniert jedes Mal, achte auf dein Bauchgefühl: was brauchst du gerade? Manchmal ist es aber auch gut, intensiv hinzuschauen. Tagebuch schreiben, meine Gefühle in ein Bild ausdrücken, Musik machen, das Gefühl von vielen verschieden Seiten angucken: analytisch, kreativ, von der Motivation her, von dem Zweck her, was ist deine Botschaft, … Auch Träume helfen mir oft, zu verstehen, welche Gefühle gerade in mir toben und warum. Dieser Prozess, meine Gefühle zu verarbeiten, ist echt anstrengend – wie ein Langstreckenlauf. Aber gerade darum ist es wichtig, sich immer wieder Zeiten der Erholung und Ablenkung zu gönnen: um wieder Kraft zu haben, wieder ein Stück mit seinen Gefühlen mitzurennen. Muskeln können sich nur bilden, wenn Anspannung und Entspannung sich abwechseln. Genauso brauchen wir beides, um unsere Gefühle näher kennen zu lernen. Gefühle sind ein wichtiger Teil von mir … aber eben auch nur ein Teil von mir.

4. Wenn ich meine Gefühle kenne, kann ich mutige, irgendwie reife Entscheidungen treffen. Reife bedeutet: ich weiß, wer ich bin, was ich kann und nicht kann, was ich brauche, dass ich wertvoll bin, dass ich Fehler machen darf, und dass ich meine Grenzen konsequent in meiner Lebensführung mit-berücksichtige. Eine solche Reife kommt nicht von heute auf morgen. Aber sie wächst Schritt für Schritt, Erfahrung für Erfahrung. Was ich emotional erlebe, lerne ich noch tiefer. So oft hat Gott mich schon aus tiefen emotionalen Löchern gezogen. Er wird es auch ein X. Mal tun. Es ist keine Katastrophe, wenn ich wütend, ärgerlich, traurig werde. Es geht vorbei. Und am Ende werde ich zurückschauen und sagen können: es hat sich gelohnt. So kann ich mutig in neue Situationen gehen, obwohl ich gleichzeitig manchmal Angst vor ihnen habe. Ich lasse mich nicht von ihnen einschüchtern. Ich vertraue dem Versprechen, das Gott mir gemacht hat: „Ich lasse dich niemals allein. Du bist mir wichtig.“

5. Gefühle sind ein Teil von dem guten Design, wie Gott mich gemacht hat. Weil er fühlt, fühlen auch wir. Darum sind Gefühle wertvoll, alle Gefühle. Sie helfen uns in der Aufgabe, durch die komplexe Welt unseres Lebens zu navigieren. Wenn sie mit anderen Gefühlen, mit dem Verstand, mit dem Vertrauen, mit Werten usw. wie in einem Team zusammenarbeiten, sind sie unschlagbar. Aber auch: wenn ausschließlich unsere Gefühle unser Verhalten bestimmen, werden sie zu Tyrannen. Denken und Fühlen gehört zusammen.

So schätze ich sie heute als meine wertvollen Verbündeten. Wäre ich auf dem Weg des Nur-Denkens geblieben, wäre meine Lebenswelt heute viel grauer und monotoner. (Ich wäre ein fleißiger Perfektionist, der alle Energie darauf verwendet, die Probleme der Welt zu lösen. Aber es gibt auch Schönheit! Freundschaft! Kreativität! Gefühle machen lebendig.) Aber als Denker, der das Fühlen neu entdeckt hat, kann ich sagen: Auf geht’s! Das nächste Abenteuer wartet schon auf mich.

Photo von @elrentaplats – CC BY-NC-SA

Gelassenheit …

Gelassenheit

Wie wahr. Sogar doppeldeutig wahr.

  1. Zu viel Projektmanagement (oder Selbstmanagement) erzeugt nur noch mehr Stress. Um mehr Gelassenheit zu leben, müssen wir den Mut haben, Dinge einfach sein zu lassen. Andy Stanley nennt das „breathing room“: Beim Planen schon Raum zum Atmen lassen. Nicht 100% der Zeit, des Geldes, etc. verplanen, sondern Platz lassen für das Unvorhergesehene.
  2. Die Dinge immer auf sich und seine Erwartungen hinbiegen zu müssen, erzeugt ebenfalls Stress. Um mehr Gelassenheit, müssen wir den Mut haben, die Dinge so sein zu lassen, wie sie sind. Viele Dinge können wir erst verändern, wenn wir ein grundsätzliches Ja zu ihnen haben – auch in uns.

Entspannung ist mehr als eine Technik. Wenn ich vertraue, dass Gott mein Leben in meiner Hand hat, selbst das, was ich ätzend finde – kann ich mich fallen lassen. Und dann Schritt für Schritt weiter an dem arbeiten, was Gott mir vor die Füße legt.

Photo: Von Jerry Meaden (CC BY-NC-SA)

Was ist kognitiv hochsensibel?

Ich habe den Eindruck, Hochsensibilität wird vor allem mit Empathie und der emotionalen Sensibilität verknüpft. Wenn man dieses Bild im Kopf hat, wird man die kognitiv Hochsensiblen übersehen – ihre Domaine, die sie tief und intensiv verarbeitet, sind nicht eigene und fremde Gefühle, sondern Ideen und Konzepte. (M)ein Beispiel:

3593950194_aa1de8d67c_zIch bin ein Denker.
(Ich bin auch ein Fühler, aber darum geht es jetzt nicht.)

Ich will alles durch-denken. Das ganze System, in all seiner Komplexität. Denn die Welt ist komplex. Und es ist doch ganz logisch: wenn ich an einer Stelle eine Stellschraube drehe, muss ich auch woanders etwas verändern, damit es im Gleichgewicht bleibt. Mir ist es wichtig, das große Bild im Blick zu behalten: was ist meine Rolle, was ist unser gemeinsames Ziel, und wie hilft uns die Struktur, dorthin zukommen.

Man sagt mir auch, ich sei sehr selbst-reflektiert. Das stimmt wahrscheinlich, aber ich denke mir immer: ich kann doch eh nicht anders … Immer, wenn ich in einer neuen Situation war, vielleicht auch in einer überfordernden Situation, denke ich darüber nach, manchmal tagelang. Und dabei läuft vieles nicht über Logik, sondern über Intuition: ich verknüpfe unbewusst es mit vorherigen Erfahrungen, vergleiche es mit anderen Theorien und ziehe dadurch meine Schlüsse. Und darum liebe ich es, gute Romane zu lesen: dadurch kann ich Dinge mit-erleben, die sonst nie meine Lebenswelt wären.

Und wenn ich am Horizont ein stimmiges, passendes, „schönes“ System sehe – etwas, was das Leben bereichert, etwas, was Sinn-voll ist – dann motiviert mich das, alles dafür zu geben, dass dieses System eines Tages Realität werden kann. Dabei verzettele ich mich manchmal zu sehr in den Details … oder in der Planung.

Manche sind auch genervt, dass ich immer so tief nachdenke. Sie hätten gerne schnellere Entscheidungen oder einfachere Antworten. Die Herausforderung für mich ist dabei, bewusst zu entscheiden, wie viel Tiefe ich gerade angemessen halte – ob ich den Teller mit der linken oder rechten Hand spüle, kann ich inzwischen auch einfach aus dem Bauch heraus entscheiden.

Ich mag mich.

„Die kognitiven Hochsensiblen können sich in der Regel sehr in ein Thema vertiefen und es analytisch und intellektuell durchdenken. Sie können schnell Lücken im System oder in Gedankengängen erkennen, komplexe Zusammenhänge darstellen, wissenschaftliche Publikationen schreiben und gut mit dem Computer umgehen. …“

Brigitte Schorr, Hochsensibilität – Empfindsamkeit leben und verstehen. 2016. S. 21-22

Zeichnung von Dan Allisson (CC BY-NC)

Sensibilität ist wie Resonanz

gitarreIch behaupte: Jeder Mensch ist irgendwo sensibel. Vielleicht unterschiedlich stark, ok, das mag sein. Aber Sensibilität an sich ist einfach menschlich. Die Frage ist, für was bist du besonders sensibel?

Es gibt ein Buch, das heißt „Zart besaitet“. Und ich dachte: was für eine schöne Metapher. Denn die Saiten (z.B.) von einer Gitarre zeigen ein Phänomen, das man „Resonanz“ nennt: Wenn zwei Seiten auf den gleichen Ton gestimmt sind, und eine Seite angeschlagen wird, schwingt die andere mit. Sie nimmt den Ton auf und verstärkt ihn.

In unserer Seele sind auch solche Saiten, die gestimmt sind auf bestimmte Dinge. Ich merke zum Beispiel, dass tiefe Gespräche in mir tagelang „nachhallen“, wie ein Echo – ich denke an einzelne Aspekte davon, sehe Zusammenhänge und verarbeite so ihren Sinn. Oder: wenn ich einen aufregenden Film geschaut habe, träume ich Nachts über ähnlich aufregende Dinge. Andere Dinge dagegen nehme ich einmal kurz wahr und kann sie dann gut ausblenden.

  • Was ist etwas, was dein Inneres zum „mitschwingen“ bringt?
  • Wann fühlt sich dieses Schwingen schön an, wann unangenehm?
  • Wozu hat Gott uns diese Fähigkeit zur Resonanz gegeben?

Die Psychologie sagt: über das, was uns wichtig ist, denken wir besonders intensiv nach. Oder anders herum: wenn wir keine positive oder negative Bewertung („Valenz“) zu einem Gedanken haben, vergessen wir ihn auch wieder ganz schnell.

  • Was ist der Wert, der hinter dem steckt, was dich besonders anspricht – was ist dir Wert-voll bzw. was willst du unbedingt vermeiden?

Wie gesagt: wahrscheinlich ist jeder Mensch in irgend einer Weise sensibel. Hochsensible haben vielleicht besonders viele solche Lebensgebiete, und nehmen das Mitschwingen stärker wahr – aber die Veranlagung zur Sensibilität ist die Gleiche.

Hochsensible Mitarbeiter in der Gemeinde

Artikel (PDF) im Magazin Offene Türen von Forum Wiedenest, Ausgabe 3/2018 (Juni 2018)

Potenzial-Entdecker, hohes Einfühlungsvermögen, engagiert und hilfsbereit, gute Wahrnehmung von geistlichen Situationen – wer möchte nicht solche Mitarbeiter? Mit diesen Worten beschrieben im März 2018 die 82 Teilnehmer einer Umfrage, welche Aspekte sie an der Zusammenarbeit mit hochsensiblen Mitarbeitern schätzen.

pb_regenboegen-011.800

Alle Befragten waren sich darin einig, dass es wichtig ist, dass Menschen, die von Hochsensibilität (auch Hochsensitivität genannt) betroffen sind, diese Thematik kennenlernen. Denn für eine gute Zusammenarbeit ist es grundlegend, dass sich alle Beteiligten ihrer besonderen Stärken und Schwächen bewusst sind. Hochsensibilität bedeutet vor allem, dass die wahrgenommenen Ideen, Gefühle und Eindrücke überdurchschnittlich tief und lange verarbeitet werden. Zum Beispiel: In einer wichtigen Gruppendiskussion werden Mitarbeiter mit dieser Veranlagung zunächst intensiv zuhören, die jeweiligen Anliegen der Personen in sich aufnehmen, das Wahrgenommene intuitiv mit anderen Erfahrungen verknüpfen und innerlich kreative Problemlösungen erarbeiten. So kann es passieren, dass sie anschließend extrem erschöpft sind, obwohl sie kein Wort gesagt haben. Oder auch, dass ihnen Stunden oder Tage später plötzlich eine Lösung einfällt. In einer erfolgreichen Zusammenarbeit können solche Mitarbeiter erfahren, dass ihre Gedanken und Empfindungen den Leitern wertvolle Informationen geben können, auch wenn ihre Vorschläge vielleicht nicht unverändert umgesetzt werden.

Wie wichtig ist es dabei, reif mit sich selbst umzugehen! Dieses Thema wurde auch von einem Umfrage-Teilnehmer genannt: „Ich finde, Hochsensibilität ist eine wundervolle Gabe Gottes, die man wie andere Gaben auch pflegen und weiterentwickeln muss …“ Am Anfang steht folgende Erfahrung: Wir brauchen die Ergänzung durch andere – und sind selbst fähig und bereit, andere zu unterstützen. Wenn Gott uns spezielle Gaben schenkt, haben wir auch die Verantwortung, herauszufinden, wie wir diese Gaben für sein Reich einsetzen können. Nur so kann Gemeinde wie ein lebendiger Körper funktionieren (1. Korinther 12). Mein Ziel für die nächsten Jahre ist es, Hochsensible in ihrem Reifungsprozess zu unterstützen, damit sie mit dieser Gabe ihrer Gemeinde dienen können.

In meiner Abschlussarbeit stelle ich die Umfrageergebnisse ausführlicher vor und gebe weitere Tipps für eine gelungene Zusammenarbeit.

Stärken (Hauptamtliche)

Antworten der Gemeinde-Mitarbeiter auf die Frage: Welche positiven Erfahrungen hast du mit hochsensiblen Mitarbeitern in deiner Gemeinde gemacht? (Mehr in der Abschlussarbeit) (vergrößern)


Zu durchwühlendes

Du möchtest eine Email bekommen, wenn ich einen neuen Text veröffentliche?

Altes: