Hochsensibilität und Christsein

Hochsensibilität – was ist das?

Hochsensible Menschen (manche nennen sie auch „hochsensitiv“) verarbeiten das, was sie wahrnehmen, sehr gründlich und tief. Das liegt an der Art, wie das Gehirn funktioniert: von den Tausenden Informationen, die über unsere Sinne auf uns einströmen, können alle Menschen nur einen kleinen Bruchteil bewusst wahrnehmen, wir filtern uns automatisch heraus, was uns relevant erscheint. Bei Hochsensiblen sind diese Filter nicht ganz so stark ausgeprägt, so dass sie feinfühlig auf Nuancen reagieren – aber auch schneller überfordert sind, weil ihnen „alles zu viel“ wird. Musik, Geräusche, Emotionen, Gerüche lösen in ihnen starke Gedanken und Gefühle aus, die dann erst mal sortiert werden wollen, und daher verhalten sie sich oft anfangs sehr vorsichtig und zurückhaltend. Dieses Persönlichkeitsmerkmal ist also Stärke und Schwäche zugleich.

Konkret?

Bei mir sieht das so aus:

  • Auf kognitiver Ebene nehme ich Ideen und Konzepte nicht isoliert wahr, sondern ziehe ständig Querverbindungen zu anderen Wissens-Domainen. (Am liebsten würde ich in meiner Ausbildung weniger Fächer gleichzeitig lernen, um mehr Zeit für die Verarbeitung zu haben.) Wenn ich Texte in eine andere Sprache übersetze, bemerke ich, dass ich sehr viel in Bildern und Gefühlen denke und diese versuche zu übertragen. Ich bin ein Sinn-Sucher: bei allen Plänen suche ich nach der Motivation und ordne es in das Gesamt-System ein, und wenn ich keinen Sinn entdecke, fällt es mir extrem schwer, meine Aufgabe zu erledigen. Und ich liebe Qualität: was ich sage, muss erst durchdacht und von vielen Perspektiven beleuchtet sein, bevor ich es weitergebe.
  • Auf emotionaler Ebene nehme ich oft Gefühle in den Augen und Verhalten von anderen wahr, und sie hallen in mir noch Stunden nach, wie ein Echo. Kunst spricht mich tief an. Damit ich nicht von meinen Gefühlen überfordert bin, muss ich sie immer wieder kreativ verarbeiten – ich geh dann Klavier spielen, Tagebuch schreiben oder malen. Intuitiv bemerke ich, welche Erwartungen in der Luft liegen – und ich bin dabei zu lernen, mich abzugrenzen, denn es ist unmöglich, allen Erwartungen gerecht zu werden.
  • Diese intensive Reizverarbeitung ist manchmal sehr anstrengend (aber ein Tag ohne solche Herausforderungen wäre auch langweilig). Darum brauche ich 8-9h Schlaf und einsames Spazieren durch die Natur, um mit innerem Frieden und freudiger Erwartung durch die Welt gehen zu können.

Hochsensibilität in Gemeinde (und anderen Teams)

Für mich hat es viele Jahre gedauert, bis ich mit diesen meinen Besonderheiten gut umgehen konnte – und der Prozess geht weiter. Aber immer wenn es mir gelingt, mit meinen Stärken der Gemeinschaft zu dienen, bin ich glücklich: wir Menschen brauchen einander in unserer Vielfalt. Jede Gabe ist wichtig. Und so möchte ich nun anderen helfen, diesen Prozess zu gehen.

Wozu? Da gibt es ein geniales Bild in der Bibel: alle Christen sollen wie ein Körper zusammenarbeiten. Das ist auch meine Überzeugung, was Hochsensibilität betrifft: Hochsensible und Nicht-Hochsensible müssen einander besser verstehen, damit sie Seite an Seite für Gottes Gerechtigkeit kämpfen können

Es ist wie in Herr der Ringe: Gimli, der Zwerg, tötet die Elefanten, indem er kraftvoll und beharrlich auf sie mit seinem Schwert eindrischt. Legolas, der Elb, spannt seinen Bogen, zielt mehrere Sekunden lang, und trifft dann genau die Stelle, an dem der Elefant verwundbar ist. Keine Methode ist an sich „besser“ oder „wichtiger“. Zwar zählen sie mit, wie viele Elefanten jeder erlegt hat, aber sie wissen genau: ohne den anderen hätte ich keine Chance. Und das ist auch die Gesamtbotschaft des Romans: die Gefährten brauchen einander, obwohl … oder gerade weil sie so unterschiedlich sind.

Mein Ziel ist also größer als hochsensiblen Menschen ein glückliches, beschwerdefreies Leben zu ermöglichen. (Wäre in dieser Welt auch ziemlich utopisch.) Sondern: wenn sie begreifen, dass sie einen Vater im Himmel haben, der es wirklich gut mit ihnen meint, dann werden sie sich erlauben, Kind zu sein. Sie werden sich lieben lassen, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und an die richtige Adresse gehen, um sie zu stillen. Und dadurch werden sie reif, Gottes Liebe an andere weiterzugeben. Lieben und sich lieben lassen gehört zusammen.

In der Bibel gibt es noch ein wunderschönes Bild dafür: Christen sind wie eine Braut, die sich auf ihre Hochzeit mit Jesus vorbereitet. Zur Zeit des Neuen Testamentes war es üblich, dass der Bräutigam nach der Verlobung in seine Heimatstadt reiste, um alles zu klären, und dann zurück kam – aber man wusste nicht wann. Wie aufregend! Wie erwartungsvoll!

Das ist mein Lebenstraum: zu sehen, wie die Gemeinde Jesu auf der ganzen Welt in dieser Erwartungshaltung lebt. Das ist der Schmuck, den sie anlegen soll: das volle Vertrauen auf Gott. Und wenn sie sich darauf fokussiert, wird sie andere Dinge einfach weglassen, weil diese unnötig oder sogar hinderlich sind. Simply trust.

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