Jona: eine Satire

(Diese Geschichte gibt es auch vorgetragen…)

Jona floh von der Gegenwart Gottes – das dachte er zumindest. Eigentlich rann er nur vor seiner Angst weg, Gott war ja trotzdem noch da.

Eines Tages dachte Jona: „Ich brauche dringend eine Auszeit, ich nehm sie mir einfach. Hey, ich kann doch machen was ich will! Es ist doch keine Sünde, nach Tarsis zu gehen, oder? Die Leute dort brauchen auch Gott.“ Und Gott sagte: „Stimmt. Nur dass ich dir ganz genau gesagt habe, dass du etwas anderes machen sollst. Es ist nicht deine Sache zu bestimmen, wie ich dich gebrauchen will.“ Und Jona antworte: „Ja … aber gibt es da … nicht ein bisschen Freiraum für spontane Änderungen? Du kannst mich doch auch in Tarsis gebrauchen, nicht wahr. Aber warum diskutiere ich eigentlich mit dir … ich mach jetzt einfach.“ Und er kaufte die Fahrkarte nach Tarsis, bestieg das Schiff und versteckte sich in seiner Kabine, bis das Schiff endlich ablegte. Da jubelte Jona: „Jetzt geht es los! Gott hat bestimmt seinen Plan geändert.“ Also ging er schlafen.

Er schlief so friedlich, dass selbst der gewaltige Sturm ihn nicht aufweckte. Das taten nämlich die Heiden, mit einer ungewöhnlichen Bitte: „Bete zu deinem Gott für uns!“ Jona streckte seine Brust raus. „Siehste, Gott bekehrt die Heiden in meinem Namen!“ Darum fing er an zu beten. Aber seine Gebete funktionierten irgendwie nicht so ganz: der Sturm wurde immer stärker. Nun fragten die Heiden Gott, wer der Auslöser für den Sturm war, und die Antwort war: Jona. Daraufhin löcherten sie Jona noch mehr, und Jona antwortete bereitwillig alle ihre Fragen. ‚Gott muss stolz sein auf mich. Ich bin so ein tolles Zeugnis. Nur … wie klären wir das mit dem Sturm? Hm, ok, wenn ich es bin, der ihn ausgelöst hat,‘ so überlegte Jona, ‚dann wird er sicher aufhören wenn ich sterbe. Ich werde ein Märtyrer, und sie bekehren sich. Und so muss ich nicht nach Ninive!‘

Aus diesem Grund befahl er ihnen, ihn mitten in die Wellen zu werfen. Sie zögerten: ‚Warum sollte ein solcher Gott der Liebe ein Menschenopfer fordern?‘ Aber naja, sie sahen keine andere Wahl. Alle anderen Möglichkeiten wurden ja schon ausprobiert, erfolglos. Also fiel Jona: er fiel tiefer, und tiefer, und noch tiefer, genau in die Arme Gottes.

Aber anstatt von Gott im Himmel begrüßt zu werden, wachte Jona an einem stinkenden, dunklen Ort auf. War das etwa die Hölle? Nein, stellte er fest, er lebte noch. In einem Fisch. Und plötzlich fiel er noch tiefer, aber diesmal nicht physisch: seine Seele fiel in den Abgrund der Angst, die noch immer in seinem Herzen war. Und er schrie: „Gott, hilf mir! Du bist meine einzige Hilfe. Warum habe ich deine Gnade verlassen? Bring mich wieder zu dem Ort, wo du wohnst! Ich werde tun, was auch immer dir wohl gefällt. Wahrscheinlich habe ich mich für das Prophetenamt disqualifiziert. Aber bitte, ich möchte dir dienen, egal wie!“

Und Gott gab ihm eine zweite Chance: als Jona wieder festen Boden unter den Füßen hatte, bekam er wieder das gleiche Amt, und den gleichen Auftrag. Und Jona vermasselte es noch einmal. Naja gut, je nachdem wie man es sieht: ja, er kam in Ninive an, und die Botschaft wurde tatsächlich aufgenommen und die Niniviter bekehrten sich sogar – aber Jona war immer noch wütend auf Gott. ‚Warum soll Gott den Todfeind Israels retten? Ich hätte vorher zu dem König gehen sollen, um ihm die Bedingung der Rettung zu erklären – nämlich, dass sie Israel gefälligst in Ruhe lassen sollen! Zu spät. Keiner kümmert sich um mich. Sie sind so glücklich, ihren neuen Gott anzubeten, meinen Gott, dass meine Existenz einfach in Vergessenheit geraten ist. Ich hätte gar nicht erst nach Ninive gehen sollen.‘

Und während er all diese Worte vor sich hin brummelte, unterbrach ihn Gott: „Jona, mein geliebter Prophet. Bist du sicher, dass du noch auf der richtigen Spur bist? Weißt du, diese Wut führt nirgendwo hin.“ Aber Jona antwortete nicht einmal. Er floh (wieder einmal) und erst als er die Stadt verließ, verlangsamte er seine Schritte. Er drehte sich zur Stadt um und beschloss zu warten. ‚Vielleicht überlegt es sich Gott ja noch. Er hat doch versprochen, alle Feinde Israels zu zerstören, nicht?‘ Er wartete. Und wartete. Es war ziemlich heiß. Nichts passierte.
Dann, eines Morgens, war plötzlich ein Baum da. Jona sah ein dass es vielleicht nicht so schlau ist, die ganze Zeit in der Sonne zu sitzen, und so rutschte er ein bisschen zum Baum hin. Aber nur Stunden später fielen alle Blätter zu Boden, und futsch war der tolle Schatten. „Gott, das ist doch unfair!“, rief Jona. „Bring mich um! Jetzt sofort!“

Und Gott sagte wieder: „Jona, bist du sicher, dass du auf der richtigen Spur bist?“ Jona tobte: „Ganz sicher! Ich bin wütend, jeder in meiner Lage wäre wütend! Du gabst mir Schatten, nur um ihn ein paar Momente später wieder wegzunehmen. Ich hab doch deinen Auftrag erfüllt! Hoffentlich war es dein letzter Auftrag für mich. Jetzt nimm mich endlich zu dir!“

Gott schwieg eine Weile, und dann fuhr er fort, genauso sanft wie vorher: „Jona, mein geliebter Prophet, wann wirst du es verstehen. Du machst dir Sorgen über Schatten haben oder nicht haben. Natürlich liebst du es, im Schatten zu sein, aber schau zu mir: siehst du nicht, wie sehr ich alle diese Leute in Ninive liebe?“

(Jona)

2 Responses to “Jona: eine Satire”


  1. 1 Benjamin Pick Sonntag, 12. März 2017 um 14:48

    Kommentar, den ich von einem Hörer erhielt (und meine Antwort dazu):

    – Dass Jona Gott am Anfang der Geschichte Alternativen vorschlägt, ist eher postmodern als biblisch. (Sehe ich auch so.)
    – Ich bezweifle, dass Jona sich so stolz in die Wellen werfen ließ – er wird schon ziemlich kleinlaut gewesen sein, als er kapiert, dass Gott den Sturm wegen ihm ausgelöst hat. (Natürlich ist meine Nacherzählung nur eine mögliche Interpretation. Warum ich diese Arroganz so beschrieben habe, liegt daran, dass ich die Verse 9 und 12 erstaunlich sachlich finde, wenn man sich den Sturm drum rum vorstellt.)


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