Gott ist wie … eine Schuldenberatungsstelle

Dieu est comme … un bureau de surendettement

Als ich noch in Stuttgart wohnte, gab es da eine Hausecke, die mich immer wieder faszinierte: denn in dem untersten Geschoss des Gemäuers war ein Schaufenster, auf dem stand geschrieben: SCHULDENBERATUNGSSTELLE, in weißen, großen Buchstaben. Nicht dass ich es nötig hätte, ich meine, ich habe zwar ein paar Kreditkarten, mein Konto ist manchmal überzogen, aber daran ist ja nichts Ungewöhnliches. Und dennoch strahlte dieses Geschäft seinen Reiz aus; sei es, weil es seriös wirkt; sei es, weil ich die Innen-Einrichtung als warm empfinde.

Eines Tages beobachtete ich, dass ein Mann vor dem Schaufenster stehen blieb, zögert, und schließlich eintrat. Ich dachte mir: „So, der ist also verschuldet? Obwohl er einen Anzug an hat ?“ Aber gut, jedem das Seine. Er ging also hinein, und der Mann hinter dem Schreibtisch begrüßte ihn und bot ihm – ohne Witz – einen Kaffee an. Jener lehnte höflich ab, er sei kein Kaffeetrinker, ob es denn Tee gäbe? Natürlich. Und sie redeten über dieses und jenes, ich lernte, dass der – sagt man: Schuldenberater? – dass seine Frau krank ist, Grippe, nichts schlimmes. Plötzlich schaute der – der Beratene? der Kunde? – wie auch immer, er sah auf seine Uhr und sprang auf, er habe noch einen wichtigen Termin, und stürmte aus dem Laden. Ich schüttelte den Kopf: „So, dafür geht man also in die Schuldnerberatungsstelle ?!“

Zwei Monate später kam dieser Mann wieder dort vorbei; und wieder zögerte, und wieder trat er ein. Der Berater wusste noch von seiner Tee-Affinität und machte sich daran, das Wasser zu kochen. Und man plauderte, und man erkundigte sich nach der Gesundheit der Ehefrau, und als eine Pause entstand, sprach der Schuldenberater an: „Wie geht es ihren Schulden?“ Mir platzte der Kragen: So eine Unverschämtheit, mich nach meinen Einkommensverhältnissen zu fragen, ich meine, nicht mich, sondern ihn, den Kunden, ich meine, die Kreditkarte war fast ausgereizt, und das Auto muss auch zurückbezahlt werden, aber das ist kein Grund – zornig schrie er: „Das geht sie ’nen […] an!“ und warf die Tür hinter sich zu.

Die folgenden Tage ging ich einen Umweg, um – na gut, ich gebe zu, dieser Mann war ich – um nicht an dieser dummen Beratungsstelle vorbei zu kommen. Was soll’s. Man muss sich ja nicht absichtlich emotional belasten. Aber der Zorn kochte weiter. Erst fiel mir auf, dass ich weniger Appetit hatte als sonst; dann, in letzter Zeit konnte ich kaum noch schlafen. Und eines Samstags nach einer schlaflosen Nacht saß ich an meinem Schreibtisch, öffnete und sortierte Rechnungen, durchwühlte meine Ordner, kramte meinen Taschenrechner hervor und rechnete, von A bis Z, alles zusammen, was ich jemanden schuldete. Und länger ich dort saß, je größer die Summe wurde, desto mehr beschlich mich die Ahnung, ach was Ahnung, Angst!, tatsächlich … verschuldet zu sein. Ich?! Aber die Zahlen waren hartnäckig: wenn ich, der ich 1000 Euro im Monat verdiene, wovon 400 Euro schon für die Wohnung drauf gehen, monatlich 600 Euro Raten zahlen muss, und die Kreditkarten sind da noch gar nicht drin, …. das ist unmöglich. Nada. Niente. Niete? Ich fürchte, ich …. habe versagt. Dabei hab ich doch früher … 600 Euro. Das ist viel. 40 Euro Fernseher, 50 Euro Computer, … was ist das schon. Aber einmal von oben betrachtet, zusammengezählt, ist es viel. Ich gehe also in die Schulden-Beratungs-Stelle? Ich werde es versuchen.

Das erste Mal hatte ich zu viel Schiss. Ich meine, eigentlich: das dritte Mal. Auf die Schuldfrage antwortete ich: „Das krieg ich schon irgendwie gebacken. Es wird schon gehen. Es muss.“ Das zweite vierte Mal htte ich keine Zeit, das fünfte Mal ging ich an der Beratungsstelle vorbei, weil die Bäckerei gleich zu macht; und so wäre es wohl ewig weitergegangen, wenn nicht eines Tages ein Brief ins Haus flatterte, eine Mahnung. Die letzte Autoreparatur war noch nicht bezahlt – woher das Geld auch nehmen? Bis zum 27.10. muss es überwiesen sein.

Wenn ich eine Ehefrau hätte, würde sie mich jetzt so lange nerven, bis ich meinen Arsch hochkriege und mich beraten lasse. Aber ich habe keine, noch nicht. Erst am 26.10. fiel es mir schaudernd wieder ein: eine Lösung musste her, jetzt sofort. Zuerst rief ich bei der Werkstatt an und handelte eine Woche Gnadenfrist aus. Dann, … dann beschloss ich, dem Herrn in dem Schaufenster (wie hieß er nochmal?) zu sagen, dass ich seine Hilfe in Anspruch nehme. Seine Hilfe? Wie soll er mir denn helfen, 400 Euro herzubekommen? Nein schlimmer: ich bräuchte 400 Euro monatlich, oder insgesamt – Taschenrechner. 12 537,12 Euro. Ui, lustige Zahl. Aber was für eine Summe. Hilfe. Ich rief ihn an und vereinbarte einen Termin.

Und so kam es, dass ich, als ich den Tee in der Hand hielt, anfing zu stottern: „Ich bin gekommen, um …. ich brauche Geld. Ich bin verschuldet. Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.“ Meine Hände schwitzten. Aber ich bekam nicht die Ablehnung, die ich erwartete. Im Gegenteil, mitfühlend fragte er nach Details. Glücklicherweise hatte ich meine Rechnung mitgenommen, 12 537,12. „Wie viel verdienen Sie?“
– „So ungefähr … mindestens 1000 Euro.“
– „Durchschnittlich 1000 Euro pro Monat?“
– „Nein, ich meine, … ja, ungefähr.“
Und er brummte in seinen Bart: „I see.“

Es wurde still. „Herr H.“, das ist mein Name, „ich möchte mich für Ihre Ehrlichkeit bedanken.“ Dabei war das mein 6. Anlauf. Er muss doch sicher schon früher bemerkt haben, dass … „Ja, schon. Aber solange Sie alles selbst in der Hand behalten wollen, kann ich ihnen nicht helfen, verstehen Sie? Heute haben Sie das erste Mal mich um Rat gefragt, und vielleicht war es sogar das erste Mal überhaupt für sie, dass sie jemanden um Rat fragen.“ Das letzte Mal war … ähm … vielleicht als Kind? Er fuhr fort: „Ich werde mir ihren Fall überlegen, bitte kommen Sie in drei Tagen wieder.“ 3 Tage, aber ich wollte doch jetzt – „Es tut mir Leid, aber ich möchte nichts überstürzen. Gibt es Gläubiger, mit denen ich mich in Verbindung setzen sollte?“ Gläubige? Warum redet er plötzlich über Gott? „Nein, ich meine Personen, denen Sie etwas schulden, die schon innerhalb dieser 3 Tagen Geld sehen wollen.“ Ich überlege, aber nein, das ist mit der Werkstatt kann noch bis Freitag warten. „Okay, ich bedanke mich, auf Wiedersehen.“

Es war Freitag. Mein Herz schlug höher. Was wird er wohl vorschlagen? Mein Auto zu verkaufen? Meinen Computer? Meinen … schluck … Fernseher? Nein, den behalt ich. Lieber meine Bücher, die verstauben eh nur. Oder, ich könnte, meine Eltern … ich will sie nicht anbetteln. Seit ich ausgezogen bin, haben wir uns nicht mehr gesehen, kennen sie mich überhaupt noch? Nach 10 Jahren haben sie mich bestimmt vergessen. Aber, na gut, probieren könnte man es. Ich könnte sogar meine Comic-Sammlung, ich meine, zur Not … der erste Asterix! mein erstes Taschenbuch! Lucky Luke! Aber eigentlich verstauben auch diese. Da fiel mir ein: wir hatten gar keine Uhrzeit ausgemacht: Schnell anrufen, er meinte, „Kommen sie einfach vorbei, ich habe Zeit.“ Also machte ich mich auf den Weg. Wo könnte man die Comics am Besten verkaufen, auf dem Flohmarkt?

Als ich schließlich eintrat, fühlte ich mich, als würde ich mich ergeben. „Was soll ich verkaufen? Sagen Sie es mir, selbst wenn es der Fernseher sein sollte. Selbst das Auto ist nicht so wichtig, wie schuldenfrei zu sein. Welche Strategie schlagen Sie vor? Wo würden Sie das Zeugs möglichst gewinnbringend verkaufen, auf Ebay?“ Er antwortete, „Setzen Sie sich erstmal“, und deutete auf die vorbereitete Tasse Tee. Ich beruhigte mich.

„Ich habe beschlossen, ihre Schulden zu übernehmen.“ Ich war schockiert, bouche-bé, wie man in Frankreich so schön sagt. „Geben Sie mir ihre Kontodaten, und ich überweise ihnen die nötigen … 13 000 Euro.“
– „Aber das können Sie doch nicht machen, was soll denn Ihre Frau dazu sagen?!“
– „Sie sagt, dass sie es gut findet, Ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen. Von Plus Null anfangen, sozusagen.“ Neuanfang – wäre das möglich? Was würde ich denn anders machen? Also meine Kreditkarten … kündige ich lieber, damit ich nicht in dieselbe Falle nochmal trete. Ich dachte laut, und er lobte mich für diesen Entschluss. „Denken Sie auch daran, dass Reichtum nicht nur Geld ist!“ Ich runzelte die Stirn. „Sondern?“
– „Freundschaften, das ist mindestens genauso wichtig.“
Tatsächlich, ich könnte meine Eltern besuchen gehen, einfach so. Ein neuer Glanz kam auf mein Gesicht. Aber bevor ich ging, fragte ich noch: „Haben Sie mir noch etwas zu sagen? Vielen, vielen Dank.“ „Nichts besonderes. Kommen Sie ab und zu hier vorbei, ich freue mich auf eine gemeinsame Tasse Tee.“

Und ich ging hinaus auf die Straße, als freier Mensch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s




Zu durchwühlendes

Du möchtest eine Email bekommen, wenn ich einen neuen Text veröffentliche?

Altes: