Das große Sterben, oder: die Rückkehr der Vögel

Es ist still über den Dächern von Paris. Die Autos plärren nicht, die Menschen schlafen noch: es ist Sonntag morgen. Heiliger Sonntag? Nein, das nicht – aber ausschlafen, das ist heilig. Wenigstens einmal die Woche. Oder zweimal. Oder öfter, wenn man Student ist.

Es ist ruhig in den Straßen. Vereinzelt: ein Auto, ein Fahrrad, ein Fußgänger, ein Pärchen, eine Gruppe Polizisten. Nur die Vögel schreien: Hallo, hier sind wir, dieser Wohnraum ist auch unser Wohnraum!

Dabei haben sie mehr Überlebenschancen als wir. Warum? Weil sie das Übermaß nicht kennen. Sie fressen Würmer, ja, aber nur einen pro Tag. Sie werden gejagt, ja, von Katzen, die zu faul geworden sind, Mäuse zu jagen; zu dick, um auf Bäume zu klettern; und überhaupt so tun als wäre die Menschheit ihnen untertan; etwas, was ihnen zu essen bringt, heute, morgen, immer. Vielleicht werden sie auch von Hunden gejagt, die noch weniger die Intention haben, sie zu fressen; und selbst wenn sie einem größerem Vogel zum Opfer fallen, dann nicht alle auf einmal. Das Ökosystem ist erstaunlich selbstregulativ, selbstheilend.

Nun hat der Mensch aber beschlossen, dem System Natur den Rücken zu kehren. Eines Tages könnte das so aussehen: die Menschheit holzte den Regenwald ab, bis es ihn nicht mehr gab; sie verfeuerte das Öl, bis es keines mehr gab; sie baute Waffen aus Eisen, und noch bevor es keins mehr gab, stellten sie fest, dass Waffen aus Silicium viel effizienter sind; so lange es das Silizium noch gibt, jedenfalls. Und sie bauten Uran ab, bis eine solche Megabombe dem Falschen in die Hände geriet, nämlich jemanden, der tatsächlich bereit war, sie zu benutzen. Kurz bevor dieser den Auslöser drückte, der die Erdkugel in zwei Hälften geteilt hätte, unterwarfen sich alle, und er wurde zum Weltdiktator.

Ruhm und Macht steigen zu Kopfe, das wissen alle, die sie nicht haben; und durch seine, in der Geschichte einzigartige, Position wurder er einzigartig … kopflos, um nicht zu sagen, dumm. Um die Weltbevölkerung zu reduzieren, ließ er alle Chinesen, Inder und Amerikaner töten; die Energieversorgung brach zusammen, so dass seine Panzerglas-Schiebetüren sich mangels Strom nicht mehr öffneten. Also verhungerte er. Und das Schlimmste: dem Rest der Bevölkerung nützte das wenig, denn: die Nahrungsmittel wurden zu knapp für alle, so dass die 0,1% der Bevölkerung, die Zugang zu den Waffendepots hatten – die alten, versteht sich, woher denn Strom oder Benzin nehmen – allein übrig blieben. Diese hatten es nie gelernt, landwirtschaftlich tätig zu sein, und als die Vorräte aufgebraucht waren, starben auch sie.

Nur die Vögel fanden noch Würmer, und 200 Jahre später sind die Städte zu Ruinen geworden, der ehemalige Regenwald zu einer Wüste, die Sahara aber zu einem Regenwald. Alles grünt, die Abgase sind verdaut, und die Vögel zwitschern wieder, als wären sie allein auf der weiten Welt.

In der Debatte, die in der Schule „Umweltschutz“, in der Politik aber „Nachhaltigkeit“ genannt wird, geht es nicht darum, ob die Natur überleben wird, sondern ob wir überleben werden.

Du sagst, diese Geschichte sei unlogisch, geradezu grotesk? Grotesk ist sie, aber leider nicht ganz unrealistisch: je mehr Details wir über die Weltgeschichte erfahren, desto unlogischer erscheint sie uns. Man könnte es so machen wie Tolstoi, der zu dem Schluss kam, dass wir nicht Akteure, sondern Schaupuppen des Schicksals sind; in diesem Falle würden wir wenigstens nicht mehr die Verantwortung an unserem Untergang. Aber unser westliches Denken (was ist das?) diktiert uns, dass wir voll entscheidungsfähig sind; also auch voll verantwortlich.

Na dann: Auf gehts! Wir brauchen Idealisten und Realisten, die einander die Hand geben. Dazu müssen entweder die Idealisten lernen, sich so fein zu kleiden, dass die Realisten sie als ihresgleichen akzeptieren; oder aber die Realisten, den Idealisten Vertrauen zu schenken, selbst wenn sie – sei es aus Überzeugung oder Nachlässigkeit – wie ein Obdachloser herumlaufen. Würden die Idealisten an die Macht kommen, würden sie genauso Schaden anrichten wie die Realisten es bis zum heutigen Tage tun. Aber gemeinsam, Hand in Hand … wer weiß, vielleicht wird sich das eines Tages international durchsetzen: (nur) gemeinsam sind wir stark.

Dächer sind was Feines – aber die Natur lebt ohne sie.
Sonntage sind was Wichtiges – aber die Natur kommt ohne sie aus.
Silizium, Öl, Regenwälder – hat alles seine Richtigkeit, aber nicht im Übermaß.

Und vor allem: wenn die Menschheit nicht aufhört, sich der Natur gegenüber katzenhaft arrogant zu verhalten; wenn sie nicht neu lernt, wie man mit Mutter Natur kooperiert; dann könnte es passieren, dass sie – das ist, wir – die nächste Art ist, die ausstirbt. Leider.

6 Responses to “Das große Sterben, oder: die Rückkehr der Vögel”


  1. 1 Kai Montag, 25. Mai 2009 um 18:18

    Lieber Benjamin,

    das rechte Maß, die (aristotelische) Tugend als kulturelles Äquivalent zum ökologischen Gleichgewicht der Natur? Das hat was.
    Ob „das System der Natur“ uns aber als Norm dienen kann? Realistische Kultur ist wohl das, worum es Dir geht. Nur die kann nachhaltig bestehen. Das ist richtig.
    Wir sind verantwortlich für unser Tun. Wem gegenüber? Selbst wenn die Antwort nur „voreinander“ lautete, zeigt sie, dass es um mehr geht, als um pragmatisches Überleben-sichern. „Wir brauchen Idealisten und Realisten, die einander die Hand geben.“
    Mich erinnert Dein Text natürlich an die berühmte Cree-Weissagung, mit der Greenpeace ehedem mahnte: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann! Aber natürlich ist auch die unberührte Natur nicht das Paradies. In Costa Rica gibt es einen Ort Paraiso, der mal eine Lichtung inmitten der „grünen Hölle“ des Urwalds war.

    Dieser Satz ist klasse: „Ruhm und Macht steigen zu Kopfe, das wissen alle, die sie nicht haben.“!

    Ein anregender Text. Danke.
    Grüße
    Kai

  2. 2 Benjamin Pick Dienstag, 26. Mai 2009 um 9:58

    @Kai

    Du meinst, mein Text glorifiziere die Natur zu sehr? So war es jedenfalls nicht gemeint. „Mit der Mutter Natur kooperieren“, das ist nicht, „Sich der Natur unterordnen“. Ich möchte Eingriffe in die Natur nicht grundsätzlich für schlecht halten, z.B. Landgewinnung/Damm bauen in den Nordseeinseln ist vielleicht sinnvoll; aber im Moment tun wir so, als hätten wir alles unter Kontrolle, obwohl viel dagegenspricht.

  3. 3 Franz Sonntag, 21. Juni 2009 um 19:11

    Hallo Benni,

    also nun komme ich auch mal dazu, was zu schreiben, wo ich die ganze Zeit nur gelesen habe.

    „Idealisten und Realisten, die einander die Hand geben.“ Nun ja, ich verstehe nicht ganz, warum du Idealisten und Realisten gegeneinander stellst. Gut, sicherlich ist das eine in manchen Aspekten das ziemliche Gegenteil vom anderen, aber wenn du von Macht und deren Verteilung sprichst, finde ich diese Klassifizierung nicht unbedingt angebracht.
    Wenn Du das Machtsystem der Welt als anarchisch voraussetzt (und trotz UN ist es das leider), ist jeder bestrebt, sein eigenes Fortbestehen zu sichern, wenn man es mal so stark ausdrücken möchte. Das heißt, die Machtfrage dreht sich nie um Mensch und Natur, sondern um Mensch und Mensch. Ich finde es nur logisch, dass (politischer) Realismus, und das ist nichts anderes als die Erkenntnis „Macht ist endlich, und ich kann sie verlieren“, in der heutigen „Weltmachtstruktur“ vorherrscht. Irgendjemand hat immer Macht, in sofern: Hätten wir sie, würde sie auch uns zu Kopf steigen, machen wir uns Vorwürfe?
    Dass Realismus und Idealismus sich nicht gegenüberstehen müssen, zeigte die Sowjetunion. Der „Idealist“ ist hier Definitionssache.

    Ich finde das allerdings auch bedauerlich, kann aber nachvollziehen, dass Eigeninteressen und die Konzentration auf den anderen Menschen als „Gegner“ die Sicht auf das Große und Ganze oft vernebeln. Mit dem zweiten Teil des Satzes „einander die Hand geben“ bin ich deswegen von vorne bis hinten einverstanden :)

    Gruß
    Franz

  4. 4 Benjamin Pick Sonntag, 21. Juni 2009 um 20:30

    Ich denke, was ich mit Realismus / Idealismus vor allem meine: der Realist schaut auf die Ist-Situation, und vielleicht ein Jahr vorraus; der Idealist zuerst auf die Soll-Situation, 10-100 Jahre vorraus, und hat, wenn es hochkommt, einen konkreten Plan, wie es dorthin kommen kann. Was ich damit kritisiere ist dass die heutige Politik nicht über den Zeithorizont einer Bundestagswahl hinaussehen will. Es wäre unpopulär, Pläne umzusetzen, die nur langfristig positiv wirken.

    Sowjetunion: waren es wirklich Idealisten, die an der Macht waren? So weit ich das verstehe, distanzieren sich die heutigen Marxisten von der praktischen Umsetzung in der Sowjetunion. Na gut, vielleicht braucht es immer eine Art Steve Jobs, die eine gute Idee (klicksi) vermarkten. Aber zu oft vergessen diese dann vor lauter Marketing die ursprüngliche Idee.

    „ist jeder bestrebt, sein eigenes Fortbestehen zu sichern“ … hm. Ja. Zusammen mit der Globalisierung, „Jeder kooperiert mit jedem“, ist das eine ziemlich explosive Mischung…. umso mehr träume ich davon, dass die Nationen Freunde werden, nicht nur Partner/Mächte. Ich denke das ist der Punkt, wo du meinst, ich verlange zu viel von der Menschheit, und ich meine, das ist möglich, mit der Hilfe Gottes. Siehst du das auch als Knackpunkt?

  5. 5 Franz Montag, 22. Juni 2009 um 22:58

    Hallo,

    zu deinem ersten Absatz: Du hast es nicht so gesagt, aber ich kann mich nicht ganz mit dem Gedanken anfreunden, dass der Idealist zum Verlieren verurteilt ist. Die Tatsache, dass Politik kurzfristig denkt ist sicher richtig, aber dazu ist sie leider verdammt, das ist meiner Meinung nach ein Systemfehler. In einer „Arbeitsgesellschaft“ wie der deutschen ist es nur billig, sich kurzfristig zu orientieren. Ich sage nicht, dass das gut ist, aber die Leute verlangen es von der Politik. Hier bräuchten wir, so finde ich, eine andere Definition von Arbeit.

    Was die Sowjetunion angeht: Die Ideen von Marx wurden etwas mit Füßen getreten, Stalin hat sich als Erbe Lenins nicht mehr unbedingt an die Ideologie des gleichen Arbeiters gehalten. Kommunismus war das ganze dann nur halbwegs. Prinzipiell ist Kommunismus eine interessante Idee. Probiert haben es viele, spätestens beim Sozialismus hörte es dann auf. Somit hast du Recht wenn du sagst, ‚Idealismus‘ wäre das vielleicht das falsche Wort dafür.

    Dein Traum ehrt dich, ich habe ihn manchmal auch. Ich glaube schon, dass das Verhältnis von Kulturen (nicht unbedingt Staaten) zur Zeit schon ein großes Problem ist. Hier muss man einsehen, dass ein solcher Prozess lange benötigt. Den Kampf ‚Jeder gegen jeden‘ haben wir schon weit hinter uns gelassen, seit dem kalten Krieg leben wir hier relativ in Frieden. Terrorismus ist kein Kampf um Macht, sondern um Religion. Dass Terroristen ihre Religion falsch interpretieren, ist dabei umso trauriger. Vielleicht kann uns in diesem Sinne wirklich Gott helfen, ich weiß das nicht.
    Nun glauben viele Glaubensrichtung an einen anderen Gott, und man kann nicht gerade behaupten, dass Gottesvertreter ein Vorbild für freundschaftlichen Umgang miteinander wären. Was denkst du darüber?

  6. 6 Benjamin Pick Mittwoch, 24. Juni 2009 um 18:54

    Ich finde das triftet vom Thema (Verhalten gegenüber Umwelt+Umweltpolitik) ab und schlage deswegen vor, die Konversation privat weiterzuführen.


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