Kind sein erlaubt!

Kind auf Schaukel

„Papa, fang mich!“

Kinder haben eine erstaunliche Zuversicht. Ein naives Vertrauen: Papa ist für mich da. Wenn ich mir weh tue, tröstet er mich. Wenn ich keine Lösung habe, hilft er mir. Wenn ich mich selbst nicht verstehe: er versteht mich.

Und eine solche Beziehung will ich auch mit meinem Papa im Himmel haben. Natürlich wird die Naivität immer wieder erschüttert. Aber das Vertrauen bleibt: Egal was kommt, Gott ist für mich da.

Das ist das Evangelium: Wir dürfen Kinder sein. Einfach so. Papa kriegt das schon hin.

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There is a light that shines within me
There is a hope that burns inside me
Deep within my soul, my very existence, there is a being waiting to be freed:
A child who knows no fear, pain, or rejection

There is an emotion all-encompassing of excitement, enjoyfulness, gladness and love
The creative potential of laughter / and the undeniable power of an infant’s joy live inside me
Unmeasurable are my limits / for I call you Father
Unimaginable is my potential / for you have called me Son

There is someone inside me, waiting to be unleashed,
Whom you embrace, whom I long to be.

There is an all-consuming fire,
A light that permeates from my very being
You have unlocked me God
The doors you open no man can shut

I will praise you, God, for you are good
You have released me, God, with your love
You are everything

(Ian McIntosh, Album: Awakened, Adoration)

Da ist ein Licht, das in mir scheint
Da ist eine Hoffnung, die in mir brennt
Tief in meiner Seele, meiner Existenz, wartet ein Wesen darauf, befreit zu werden:
Ein Kind, das Angst, Schmerz oder Ablehnung nicht kennt

Da ist ein all-umspannendes Gefühl von Begeisterung, Genießen, Freude und Liebe
Das kreative Potential von Lachen / und die unbestreitbare Kraft von kindlicher Freude leben in mir
Unermesslich sind meine Grenzen / denn ich nenne dich Vater
Unvorstellbar ist mein Potential / denn du hast mich Sohn genannt

Da ist jemand in mir drin, das darauf wartet, entfesselt zu werden,
Jemand, den du umarmst; jemand, der ich so gerne sein möchte.

Da ist ein alles verzehrende Feuer,
Ein Licht das von meinem Inneren nach Außen strahlt
Du hast mich aufgesperrt,
Die Türen, die du öffnest, kann kein Mensch schließen

Ich preise dich, Gott, denn du bist gut
Du hast mich freigesetzt, Gott, mit deiner Liebe
Du bist Alles.

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Empfehlenswerte Bücher:

  • Mike Mason, The Mystery of Children (Leseprobe) – Mason erzählt viele Stories von seinen Kindern und was er daraus über Gott und Glauben lernen konnte.
  • Brennan Manning, Abba’s Child (dt. Kind in seinen Armen) – Manning veranschaulicht, was es bedeutet, aus dieser Identität als Kind Gottes heraus zu leben.

Photo von Nabok, CC BY-NC-SA

Sich abgrenzen – ja, aber wie viel?

In vielen Büchern über Hochsensibilität steht: lerne, dich – in gesunder Weise – abzugrenzen. Wahrscheinlich ist das eine Lebensaufgabe für alle Menschen, aber gerade für Hochsensible ist das wichtig.

Was ist die Folge, wenn man sich zu wenig – oder zu viel abgrenzt? Im Extrem-Fall: Burnout – oder ein Sich-Abschotten.

Manche grenzen sich überhaupt nicht ab, fühlen sich verantwortlich für alle Menschen, die sie sehen – und gerade Hochsensible sehen ziemlich viele leidende Menschen (empathisch Hochsensible) oder fehlerhafte Systeme (kognitiv Hochsensible) – und landen so irgendwann im Burnout. Für diese Menschen ist meine Botschaft: du bist nicht der Retter der Welt. Du kannst es nicht sein, und du musst es gar nicht sein. Lebe als Kind Gottes – ein Kind darf einfach zu Papa rennen, wenn es sich überfordert fühlt. Sein Traum, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem keine Traurigkeit, kein Schmerz mehr existiert – ist sein Traum. Du bist ein kleines Puzzle-Teil davon. Nicht jedes ungestilltes Bedürfnis, das du siehst, ist (s)ein Auftrag an dich, eine Lösung dafür zu finden.

Dann gibt es auch das andere Extrem (auch bei Hochsensiblen). Manche grenzen sich so stark ab, dass es wie eine undurchdringliche Mauer zwischen ihnen und der Umwelt wird: „Nein, das mache ich nicht, das kann ich nicht, ich muss mich um mich selbst kümmern.“ Diesen Menschen möchte ich sagen: wenn du eine Mauer baust, wird es irgendwann ziemlich langweilig, einsam werden. Ja, du kannst dir eine Mauer bauen, aber eine solche Mauer funktioniert immer in beide Richtungen: du willst keinen reinlassen, und du willst nicht rausgehen. Ich würde behaupten: Es gibt kein Lebensglück ohne das Risiko, verletzt zu werden (vgl. Brené Brown – The power of vulnerability – mit dt. Untertitel). Weil Gott die Menschen nicht als Einzelkämpfer geschaffen hat, sondern ihnen einen tiefen Durst nach Liebe und Annahme gegeben hat.

Ich gebe zu: Beides sind Extreme. Aber beide Tendenzen entdecke ich in meiner Lebensgeschichte. Darum habe ich mich auf die Suche gemacht: Wie kann ich ein gesundes Maß an Abgrenzung finden? Und dabei habe ich gelernt, beide Seiten auch wertzuschätzen.

Denn positiv formuliert: die Menschen, die sich nicht abgrenzen, gehen extrem viele Herausforderungen an. Sie probieren neue Dinge aus, und das obwohl sie wissen, dass es anstrengend wird. Oder versuchen es noch einmal, die Situation zu verbessern, obwohl sie schon 9mal gescheitert sind. Ich bewundere diese Motivation! (Das ist nicht ironisch gemeint. Aber dieses Maß an Motivation ist gleichzeitig auch gefährlich: Burnout-Gefahr entsteht nicht primär aus dem „Zuviel“ von außen, sondern aus dem „Ich muss das aber schaffen“ von innen.)

Und die anderen Menschen, die sich sehr stark abgrenzen: sie wissen, wo ihre Grenzen sind. Sie haben ihre Grenzen akzeptiert: „Ja, das kann ich nicht so gut wie andere.“, und daraus persönliche Konsequenzen gezogen: „Das sollen lieber andere machen.“ Was für eine Weisheit! (Das kann aber nicht 100% verhindern, dass auch innerhalb ihrer Grenzen etwas schief geht. Und dann sind diese Menschen in Gefahr, auch dort ihre Grenzen enger zu stecken – und dadurch ihren Lebens-Raum weiter zu verkleinern.)

Die große Frage ist jetzt: Wie viel Abgrenzung ist gesund? Was ist der Maßstab?

Die Bibel sagt (in meine Sprache ausgedrückt): „Liebe Gott (volle Kanne!) und die Menschen um dich herum wie dich selbst.“ (Lukas 10,27). Was bedeutet das für Abgrenzung? Viele Christen betonen die ersten zwei Drittel und sagen sich: Ich soll lieben, wie Gott es getan hat, nämlich volle Kanne und egal wie viel es kostet. Ihr Ziel ist die bedingungslose Hingabe an Gott und den Anderen. Und das ist richtig, aber nur ein Aspekt von dem, wie Gott liebt. Jesus, das große Vorbild, hat sein Alles gegeben – aber er kannte auch sich und seine Grenzen. Kennst du den Jesus, der trauert, weil sein Freund gestorben ist (Matthäus 14,13; Johannes 11,35)? Kennst du den Jesus, der um Hilfe bittet, weil er Angst hat vor dem, was ihm bevorsteht (Matthäus 26,36-38)? Jesus, der heftige Worte benutzt, weil ein Freund ihm ein verlockendes Angebot macht – und ihn damit in Versuchung führt (Markus 8,33; vgl. Hebräer 4,15)? Wenn Jesus schon nicht immer souverän „ständig geben“ konnte, haben wir … keine Chance. Liebe bedeutet auch, Liebe annehmen zu können, seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Und tatsächlich, Gott ermutigt in der Bibel nicht nur dazu, Neues auszuprobieren und Altes zu lassen, sondern auch, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren.

Einerseits macht er immer wieder deutlich: „Du bist wertvoll, so wie du bist.“ Es gibt keine Bedingung. Du musst nichts können, nichts vorweisen, nicht von der richtigen Linie abstammen, oder sonst irgendwas: du bist ein Mensch, ein geliebter Mensch, sein geliebter Mensch. Und darum dürfen alle deine Schwächen und Herausforderungen benannt werden als das, was sie sind: Menschlich. (Manchmal, wenn ich einen Fehler gemacht habe, beruhige ich mich: „Ja, stimmt, das ist Benjamin. Das ist ok.“) Weil Gott dich bedingungslos annimmt, darfst du lernen, dich selbst bedingungslos anzunehmen. Sozusagen, dich aus seinen Augen sehen.

Andererseits sagt er aber auch immer wieder: „Ich möchte dich in eine viel größere Freiheit führen als das, was du bisher kennst.“ Gott liebt es, unsere Ketten zu sprengen: das können Gewohnheiten sein, die uns zerstören; Dinge in uns, bei denen wir keine Veränderung mehr erwarten; oder die Haltung zu denken: „Ich weiß eh schon, wer Gott ist, was er tun wird und was nicht“, usw. Er bringt Hoffnung in verfahrene Situationen und macht Unmögliches möglich. Und Gott hat diese Veränderung schon für dich vorbereitet. Es ist wie beim Auszug aus Ägypten: Gott eröffnet einen Weg, wo es keinen Ausweg gibt. Und unsere Aufgabe ist es, diesen Weg zu gehen (Epheser 2,8-10). Das geschieht oft mitten im Alltag: ein Schritt nach dem anderen in die Richtung, in die uns das Vertrauen führt. So können wir an den Herausforderungen des Alltags wachsen – mit ihm zusammen.

Genau das ist der Kern von gesunder Abgrenzung: Wenn du in dem Bewusstsein l(i)ebst, dass du bedingungslos geliebt bist – dann geht es gar nicht mehr primär um dich, auch nicht bei Abgrenzung. Wenn du wüsstest, wie unglaublich wertvoll du bist, müsstest du dich nicht mehr auf Machtkämpfe einlassen – weil du auf Gott vertraust. Abgrenzung ist dann einfach nur noch ein Mittel, damit das, was Gott will, immer mehr wachsen kann.

Der Maßstab ist also Gottes Liebe: Wenn du es aus Liebe zu Gott getan hast, dann war es richtig. Wenn du es aus dem Bewusstsein, von Gott bedingungslos geliebt zu sein, getan hast, dann war es richtig.

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Soweit die Theorie. Ich weiß, in der Praxis ist das oft schwer zu entscheiden. Und manchmal wirst du dich ein bisschen zu stark abgrenzen, oder ein bisschen zu wenig – aber solange du dich von Gott und Mitmenschen korrigieren lässt, ist das gar kein Problem.

Denn das Leben ist keine mathematische Gleichung, bei der es für eine konkrete Situation genau eine konkrete Lösung gibt. Das Leben ist eher wie ein Tanz: links, rechts, Hauptsache: gemeinsam. Und wenn man aus dem Takt gerät: tja, ist doof, aber einfach weitermachen. Dafür gibt es Vergebung und Neu-Anfang.

(Photo Asche – von David Allen, CC BY-NC-SA)

Das zerbrochene Gefäß

Kintugi - Zerbrochenes wurde wieder heil

Zerbrochen.
Zersplittert in Tausend Einzelteile.
Das lebendige Nass versickert, nur kleine Reste bleiben auf den Scherben und warten darauf, von der Sonne aufgeleckt zu werden.
Warum? Wie kam es dazu? Wie kann es sein, meine Berufung ist doch, Dinge in mich aufzunehmen und an andere zu verteilen? Wie soll das gehen?
Es tut so weh.

Warten.
Man sagt, Gott kommt niemals zu spät. Das mag sein. Wo ist er denn jetzt?
Hätte er das nicht alles verhindern können?
Man sagt, er ist gut, er weiß schon was er tut. Das mag sein. Aber ich sehe keine Güte.
Gott, kannst du nicht Strg+Z drücken?
Es ist, wie es ist.

Erwarten.
In mir keimt Hoffnung.
Gott hat versprochen, immer bei mir zu sein. Er hat versprochen, für mich zu kämpfen.
Ich sehe nichts davon, aber er ist da.
Vielleicht ist es das, was ich lernen soll?

Aufatmen.
Der Schmerz lässt nach.
Ohne dass ich es bemerkt hätte, ist einiges wieder zusammengewachsen, was zusammen gehört.
Als hätte ein Töpfer tatsächlich die Scherben wie Puzzle-Teile wieder zusammengefügt.
Und wenn ich es berühre, merke ich: es hält.
Sogar besser als vorher.
Aber: die Verheißung steht noch aus.

Wie oft bin ich diesen Prozess gegangen.
Wie oft ist Gott mit mir diesen Prozess gegangen.
Ist er schön? Nein. Er ist anstrengend.
Aber vielleicht ist er lebens-notwendig.
Ohne Schmerzen gibt es kein Wachstum.

Meine Narben erzählen von deiner Güte.

“To love at all is to be vulnerable. Love anything and your heart will be wrung and possibly broken. If you want to make sure of keeping it intact you must give it to no one, not even an animal. Wrap it carefully round with hobbies and little luxuries; avoid all entanglements. Lock it up safe in the casket or coffin of your selfishness. But in that casket, safe, dark, motionless, airless, it will change. It will not be broken; it will become unbreakable, impenetrable, irredeemable. To love is to be vulnerable.
― C.S. Lewis: The Four Loves (dt. Was man Liebe nennt)

Lieben – egal auf welche Art – heißt verletzlich sein. Liebe irgend etwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen, oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, daß deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal einem Tier. Umgib es sorgfältig mit Hobbies und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließe es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftlos – verändert es sich. Es bricht nicht; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Lieben heißt verletzlich sein.

(Photo: Kintugi von Haragayato CC BY-SA 4.0 )

Gottes Liebe ist in 3D

Diagramm: Gottes Liebe ist in 3D

Was war Jesu Botschaft? Wozu hat er diese Jahre auf der Erde verbracht, was war ihm wichtig? Meine Antwort darauf: „Gott liebt dich.“ Wer versteht, dass er geliebt ist, kann ein ganz neues Leben leben.

Diese Liebe hat 3 Dimensionen. Man kann diese Dimensionen nicht voneinander trennen – sie gehören zusammen. Das sagt Johannes in seinem Brief immer wieder auf verschiedene Weisen …

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Text der Predigt: 1. Johannes 4,7 – 5,4

Vergeben?! Will ich das wirklich?!

herzManchmal höre ich, „Nein, ich habe ihm/ihr/ihnen noch nicht vergeben …“ Ich fühle den Schmerz dahinter… und nachdem ich ausgiebig zugehört habe, erzähle ich vorsichtig, warum ich Vergebung so wichtig finde.

Vergebung ist oft ein Prozess. Gerade wenn die Verletzung tief war, wird es auch eine Weile dauern, bis sie wieder heil ist. Das Wichtige dabei ist, dass dieser Heilungsprozess nicht aufhört.

Der Heilungsprozess wird verlangsamt oder sogar abgebrochen:

a) Wenn du entscheidest, es ist doch nicht so schlimm, ich will es einfach vergessen. Damit kehrst du die Wunde unter den Teppich, und dort kann sie „schön“ vor sich hin eitern und bricht irgendwann umso stärker aus.

b) Wenn du entscheidest, es ist so schlimm, ich werde niemals vergeben. Das ist so, als würdest du jeden Tag neu den Schorf deiner Wunde aufkratzen, weil du den Schmerz als Erinnerung brauchst. Ja, es tut weh. Ja, du wirst daraus etwas lernen, „Konsequenzen ziehen“. Aber später. Erst einmal, renn zu Jesus und lass dich von ihm trösten.

Denn weißt du, die Gefahr ist folgende: Wenn die Wunde nicht ausheilt, ist sie Jahre später immer noch da. Und sobald dich irgendetwas an die Situation erinnert, in der du verletzt worden bist, wirst du merken, dass sie noch nicht verheilt ist – ein Beobachter würde sagen: diese Reaktion war aber jetzt unverhältnismäßig. Das stimmt – gemessen an der äußeren Situation. Aber gemessen an der inneren Situation ist die Reaktion völlig angemessen. Solange eine Schnittwunde noch nicht ausgeheilt ist, ist für die Haut an dieser Stelle jede Berührung sofort eine Bedrohung – es tut weh. So geht es auch unserem Herzen: es spannt einen Sicherheits-Abstand um den Bereich, der verwundet ist, und bestraft alle, die versuchen, diesen Bereich zu betreten. Wenn du viele solche „Zutritt verboten“-Zonen hast, könnte es für deine Mitmenschen ziemlich anstrengend werden – und für dich ziemlich einsam.

Aber da gibt es eine riesige Chance: Wenn die Wunde verheilt, erlebst du Freiheit. Dann kann das Leben wieder aufblühen.

Darum mache ich dir Mut, diesen Prozess der Vergebung zu gehen. Er ist wie ein Wanderweg: immer einen Schritt nach dem anderen. Manchmal werden schmerzhafte Erinnerungen hochkommen. Dann schau sie dir an und renn damit zu Jesus. Erklär ihm deinen Schmerz, und dann warte auf seine Antwort. Er weiß, was Schmerzen sind. Er weiß, wie man mit ihnen umgehen kann, und trotzdem den Willen Gottes tun kann. Und dann: Lass los.

Und manchmal kommt dann gleich die nächste Erinnerung, und du fragst dich: Hört das denn nie auf? Geht es jetzt alles von vorne los? Hinschauen, mit Jesus verarbeiten, loslassen, … schon wieder? Ja und Nein. Ja, immer wieder, du wirst viel Zeit haben, genau das zu üben. Nein, mit der Zeit werden die Schmerzen weniger. Eigentlich ist es auch gut, dass der Schmerz portionsweise kommt – so kannst du ihn aushalten und verarbeiten.

Und manchmal ruht diese Baustelle eine Weile. Das ist auch ok. Gott hat den Sabbat geschaffen, und drückt damit aus: Dein Leben hängt nicht von deiner Arbeit ab. Ruhe einfach in meiner Liebe. Er wird dich dann schon anstubsen, wenn es weiter geht.

Aber eines Tages wirst du zurückblicken und aufatmen: Jetzt ist es vollbracht. Ich habe vergeben. Und weißt du, es wird dann nicht so sein, wie es vor der Verletzung war. Sondern viel, viel besser. Gerade der Lebensbereich, der durch Verletzung und Heilung gegangen ist, kann oft erstaunlich fruchtbar werden: Dann kann deine Freude auch dort wieder sprudeln. Und dann kannst du den Trost, den du für dich angenommen hast, an andere weitergeben (2. Korinther 1,4).

Gott hat bereits vergeben. Und geduldig hilft er dir dabei, loszulassen. Gib die Hoffnung nicht auf: eines Tages wirst du frei sein.

Nicht Normal? Bunt!

Prismatic-People-Thumbs-Up-3-800px„Das ist doch nicht normal!“ – Diesen Satz hast du bestimmt auch schon mal gehört. Weil du etwas gemacht hast, was anscheinend nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entspricht. Dafür brauchst du kein schlechtes Gewissen haben – den DIN-genormten Durch­schnitts­men­schen gibt es einfach nicht. „Das ist doch nicht normal!“ – was steckt dahinter?

Irgendwie klingt der Satz verdächtig nach: „Das, was normal ist, ist auch gut – und das, was nicht normal ist, ist irgendwie komisch und vielleicht sogar ungesund.“ Denken wir diesen Gedanken einmal zu Ende. Wenn es gut ist, dass alle „normal“ sind, dann müssten wir alle versuchen, einheitlicher zu werden. Dann müsste das gleiche Problem immer mit der gleichen Methode gelöst werden, und dabei werden immer die gleichen Talente und Fähigkeiten benötigt. Alles wird geregelt, festgelegt und optimiert. Was aber, wenn irgend etwas Unvorhergesehenes den gewohnten Ablauf unterbricht? Nur dadurch, dass jeder von uns einen unterschiedlichen Ausgangspunkt hat, können wir kreative Lösungen finden.

Und wenn wir fragen würden, was denn konkret mit „normal“ gemeint ist, würden wir wahrscheinlich die Antwort hören: „Weißt du denn nicht, was normal ist? Nun …“ – (und dann eine Denkpause) – „… naja, so wie ich eben.“ Könnte er vielleicht meinen: „Wenn jeder so wäre wie ich, gäbe es diese vielen Probleme nicht. Dann wäre die Welt viel einfacher.“ ? Einfacher wäre sie, das stimmt. Aber auch viel langweiliger!

Als ich in anderen Kulturen oder anderen Gemeinde-Kulturen gelebt habe, merkte ich: Verschiedene Menschen haben verschiedene Arten, mit sich und der Welt umzugehen. Die leben ihren Alltag ganz anders als ich – und es funktioniert auch! Es hat sogar manchmal echt Vorteile!

Unsere Welt ist bunt. Irre vielfältig. Wie gut, dass wir nicht „normal“ sind. Gerade weil wir so verschieden sind, können wir voneinander lernen. Du bist einzigartig gemacht, und du trägst Dinge in dir, die nur du der Welt geben kannst. Finde heraus, was es ist, und bereichere uns.

Gefühle – wie ich entdeckte, sie zu schätzen

Ich bin ein Fühler. Ich bin auch ein Denker, aber ein Denker, dem tiefe Gefühle wichtig sind. Inzwischen. Viele können intuitiv gut mit ihren Gefühlen umgehen – ich musste erst wieder lernen, wozu Gefühle da sind.

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In meiner Schulzeit hatte ich meine Gefühle bewusst unterdrückt, weil es mir zu gefährlich war, sie zu zeigen – um nicht von anderen ausgelacht zu werden, hatte ich mich so unauffällig wie möglich gemacht. Als ich dann Christ wurde, stillte Gott ein Bedürfnis in mir, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Ich dachte, das eigentliche Problem ist: „Was ist der Sinn hinter dem Leben?“ Aber er zeigte mir, dass es ein noch existentielleres Problem gibt: „Bin ich geliebt? Bin ich wertvoll?“ Und indem er mir diese Frage beantwortete, machte er es möglich, dass wieder Spontaneität und fröhliches Lachen mein Leben erfüllte. Ich bin wertvoll. Alles in mir. Er liebt mich – durch und durch.

Zu entdecken, dass auch meine Gefühle wertvoll sind, war eine jahrelange Reise, und so ganz angekommen bin ich immer noch nicht. Aber hier die Zusammenfassung dessen, was ich über den guten Umgang mit meinen Gefühlen gelernt habe:

1. Wer keine negativen Gefühle haben will, hat bald gar keine mehr. Eines Tages habe ich mich wieder geärgert, dass mir mein Zug vor der Nase weggefahren ist – und dann habe ich mich darüber geärgert, dass ich mich geärgert habe. Ich dachte: „Was bringt all dieser Ärger, der nächste Zug fährt sowieso bald, und ich kann es eh nicht ändern.“ Und das Faszinierende: es hat funktioniert. Meine Entscheidung, mich nicht mehr ärgern zu wollen, führte dazu, dass mir die verpassten Zügen gleichgültig wurden. Aber 2 Monate später stellte ich fest: mir sind auch viele andere Dinge gleichgültig geworden. Und ich hatte zwar keinen Ärger mehr, aber auch keine Freude mehr. Also machte ich diese Entscheidung wieder rückgängig, und nach und nach konnte ich das Leben wieder genießen.

2. Was weh tut, ist wichtig. Bei körperlichem Schmerz klingt das verständlich: wenn mein Bein jedes Mal schmerzt, wenn ich auftrete, werde ich es automatisch nicht so stark belasten und ggf. zum Arzt gehen. Schmerz sagt: „Da ist etwas Wichtiges nicht in Ordnung. Du musst etwas ändern.“ So ist es auch bei Gefühls-Schmerz – egal ob Trauer, Ärger, oder Wut. Gefühle sind wie Botschafter: sie drücken aus, was mir wichtig ist. Schmerz deutet auf ein Bedürfnis, das nicht gestillt wird. (Genauso wie Freude oder Glück bestätigen, dass ein Bedürfnis erfüllt wurde.) Also stille ich einfach das Bedürfnis? Leider ist das in der Praxis ziemlich komplex: Ich will das tun, was das Gefühl A sagt, aber auch das, was B und C sagen – und alles gleichzeitig geht nicht. Also muss ich mich entscheiden. Und angenommen ich entscheide mich für C, dann will ich A und B dennoch geduldig zuhören und ihre Bedenken anhören. Und tatsächlich: die Gefühle A und B sind wie Männchen, die sich weniger aufregen, wenn sie sich wertgeschätzt und verstanden fühlen. Darum ist mein Leitsatz geworden: „Ich muss nicht tun, was die Wut mir sagt – aber ich muss ihr zuhören. Sie hat mir etwas Wichtiges zu sagen.“

3. Seinen Gefühlen zuhören ist wie Muskel-Training: es braucht Anspannung und Entspannung. Immer wieder komme ich in Situationen, wo ich mich von der Intensität meiner Gefühle überfordert fühle – Angst, Trauer, Verbundenheit, Aufregung, … Und ich darf lernen: ich bin nicht meinen Gefühlen ausgeliefert. Ich kann sie wieder in den Normalbereich begleiten. Aber wie? Manchmal ist es gut, einfach mal etwas komplett anderes zu machen: in die Natur gehen und auf jedes einzelne Detail achten. Ein gutes, nicht zu emotionales Buch lesen. Auf den Boden legen und 5 Minuten gar nichts machen. Mit Freunden oberflächliche Witze reißen. Weißt du, was für dich entspannend wirkt? Nicht jede Methode funktioniert jedes Mal, achte auf dein Bauchgefühl: was brauchst du gerade? Manchmal ist es aber auch gut, intensiv hinzuschauen. Tagebuch schreiben, meine Gefühle in ein Bild ausdrücken, Musik machen, das Gefühl von vielen verschieden Seiten angucken: analytisch, kreativ, von der Motivation her, von dem Zweck her, was ist deine Botschaft, … Auch Träume helfen mir oft, zu verstehen, welche Gefühle gerade in mir toben und warum. Dieser Prozess, meine Gefühle zu verarbeiten, ist echt anstrengend – wie ein Langstreckenlauf. Aber gerade darum ist es wichtig, sich immer wieder Zeiten der Erholung und Ablenkung zu gönnen: um wieder Kraft zu haben, wieder ein Stück mit seinen Gefühlen mitzurennen. Muskeln können sich nur bilden, wenn Anspannung und Entspannung sich abwechseln. Genauso brauchen wir beides, um unsere Gefühle näher kennen zu lernen. Gefühle sind ein wichtiger Teil von mir … aber eben auch nur ein Teil von mir.

4. Wenn ich meine Gefühle kenne, kann ich mutige, irgendwie reife Entscheidungen treffen. Reife bedeutet: ich weiß, wer ich bin, was ich kann und nicht kann, was ich brauche, dass ich wertvoll bin, dass ich Fehler machen darf, und dass ich meine Grenzen konsequent in meiner Lebensführung mit-berücksichtige. Eine solche Reife kommt nicht von heute auf morgen. Aber sie wächst Schritt für Schritt, Erfahrung für Erfahrung. Was ich emotional erlebe, lerne ich noch tiefer. So oft hat Gott mich schon aus tiefen emotionalen Löchern gezogen. Er wird es auch ein X. Mal tun. Es ist keine Katastrophe, wenn ich wütend, ärgerlich, traurig werde. Es geht vorbei. Und am Ende werde ich zurückschauen und sagen können: es hat sich gelohnt. So kann ich mutig in neue Situationen gehen, obwohl ich gleichzeitig manchmal Angst vor ihnen habe. Ich lasse mich nicht von ihnen einschüchtern. Ich vertraue dem Versprechen, das Gott mir gemacht hat: „Ich lasse dich niemals allein. Du bist mir wichtig.“

5. Gefühle sind ein Teil von dem guten Design, wie Gott mich gemacht hat. Weil er fühlt, fühlen auch wir. Darum sind Gefühle wertvoll, alle Gefühle. Sie helfen uns in der Aufgabe, durch die komplexe Welt unseres Lebens zu navigieren. Wenn sie mit anderen Gefühlen, mit dem Verstand, mit dem Vertrauen, mit Werten usw. wie in einem Team zusammenarbeiten, sind sie unschlagbar. Aber auch: wenn ausschließlich unsere Gefühle unser Verhalten bestimmen, werden sie zu Tyrannen. Denken und Fühlen gehört zusammen.

So schätze ich sie heute als meine wertvollen Verbündeten. Wäre ich auf dem Weg des Nur-Denkens geblieben, wäre meine Lebenswelt heute viel grauer und monotoner. (Ich wäre ein fleißiger Perfektionist, der alle Energie darauf verwendet, die Probleme der Welt zu lösen. Aber es gibt auch Schönheit! Freundschaft! Kreativität! Gefühle machen lebendig.) Aber als Denker, der das Fühlen neu entdeckt hat, kann ich sagen: Auf geht’s! Das nächste Abenteuer wartet schon auf mich.

Photo von @elrentaplats – CC BY-NC-SA


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